Man könnte viele hundert Seiten damit füllen, diese Frage im Detail zu beantworten. Auch wenn ich dies hier natürlich nicht in dem Umfang tun kann, möchte ich für alle Interessierten in ein paar Absätzen erklären, was man ganz grundlegend unter QiGong versteht.
Als Qigong im Westen noch nicht bekannt war, nannten es die ersten Lehrer hier „chinesisches Yoga“, damit man sich etwas darunter vorstellen konnte. Aber die Frage „Was ist Qigong?“ lediglich mit dieser Beschreibung zu beantworten, wäre letztendlich wenig zutreffend und hilfreich. Denn QiGong ist weit mehr.
Zum Ursprung im alten China
Diese Bewegungskunst findet mit einiger Sicherheit – ganz genau weiß man es nicht – ihren Ursprung im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Einige gehen sogar von einer weit früheren Entstehungszeit aus, bis 2500 vor unserer Zeitrechnung. Folgt man der Theorie der Entstehung im 4. vorchristlichen Jahrhundert, dann war es der legendäre Kaiser Huang Di1, der um die Gesundheit des Volkes fürchtete und sich daher mit Medizin beschäftigte.

Auch heute noch bilden „seine“ Theorien (wer auch immer sie verfasst hat) die Grundlage der chinesischen Medizin. Und eben diesem Huang Di werden auch die ersten, der Gesundheit förderlichen Bewegungsformen zugeschrieben2. Aus diesen entwickelten sich nach und nach das heute bekannte Qigong und Taiji Quan (Taichi Chuan) in ihren zahllosen Varianten.
Qi ist Lebensenergie
Allen aber ist eines gemein: Die „Arbeit mit Qi“, was auch die wörtliche Übersetzung von Qi Gong ist. „Qi“ ist – vereinfacht gesagt – Lebensenergie. Und ebenso wie das Blut durch unsere Adern fließen muss, muss dieses Qi durch unsere Energiebahnen im Körper fließen. Ist es blockiert, etwa durch Spannungen und Verengungen in den Gelenken, kommt es zum Energiestau, was ebenso zu Krankheit führen kann, wie wenn das Blut sich an einer Stelle im Körper staut.
Diese Jahrtausende alten Bewegungen dienen also dem ungehinderten Fluss der Lebensenergie durch unseren Körper und dessen Organsystem.

Was ist QiGong in der Praxis und wie sieht sie aus?
Wäre die Bewegung an sich das Einzige, worauf es ankommt, könnten sich eine Vielzahl gymnastischer Übungen, die dem Qigong ähnlich sind, sicherlich ebenso effizient gestalten. Entscheidend für das Qigong ist aber das Zusammentreffen von Atmung, Haltung und Vorstellung (bzw. Absicht) sowie das Zusammentreffen von Anspannung und Entspannung.
- Ersteres ist die in den allermeisten Bewegungsformen des Qigong erforderliche annähernd perfekte Synchronisierung von Atmung und Bewegung, begleitet von der bewussten Intention, Qi im Körper zu bewegen, was auch eine klar definierte Körperhaltung voraussetzt.
- Zweiteres ist die Umsetzung der „Harmonie der Gegensätze“, jenem kosmischen Prinzip, welches in der traditionellen chinesischen Religion des Daoismus grundlegend ist: Yin und Yang, die kosmischen „Urkräfte“. Sie stehen für Gegensätze wie hell und dunkel, kalt und heiß, aber auch zum Beispiel Einatmung und Ausatmung.
Beide Aspekte müssen immer in Harmonie und Ausgeglichenheit vorhanden sein. Mal überwiegt das Eine, mal das Andere.
Im Flow sein – einen stillen Geist kultivieren
Und damit kommen wir bei der Beantwortung der Frage „Was ist QiGong?“ zu einem entscheidenden Punkt: Um die Effekte von Qigong wirken zu lassen, bedarf es eines konzentrieren, wachen und meditativen Geistes – und umgekehrt führt Qigong zu einem eben solchen Geist. Vielfach wird gesprochen von einem „Flow“, in den man während der Praxis gelangt; ein solcher sollte aber immer begleitet sein von einer wachen Klarheit und beobachtender Achtsamkeit.

Erfährt man jedoch diesen „Flow“, dann kann man, ganz wie in der sitzenden Meditation, ein Gefühl von Einheit wahrnehmen, einer Einheit, an dem alles seinen Platz hat, nichts richtig ist und nichts falsch. Die Dualität löst sich auf, da der Geist in höchstem Maße gesammelt und still ist.
Ein Gefühl höchsten Friedens mag entstehen, was dem Praktizierenden plötzlich vor Augen führt, dass „im Dao alles Eins“ ist – alles, der gesamte Kosmos ist nur ein (Wechsel)spiel der Energien, immer in Bewegung, ohne Ziel, ohne Zweck, ohne tieferen Sinn. Dies nennt man wu-wei, das absichtslose Handeln des Kosmos, das auf nichts gerichtet ist.
Eins werden mit dem Dao
Und so landet man bei der Erforschung der Frage „Was ist QiGong?“ eben irgendwann auch bei der Geisteshaltung des Qigong: Es ist ein Handeln, das nicht getragen ist von einem persönlichen Vorteil – ein solcher ergibt sich von allein.
Freiheit ist nach buddhistischer und daoistischer Anschauung die Freiheit vom Wollen und Streben. In dieser Freiheit liegt der Schlüssel zur Einswerdung mit dem Dao, der vollkommenen Harmonie mit dem Kosmos. Das ist die höchste Balance. Das ist Liebe.

Eine kleine Achtsamkeits- und QiGong-Übung
An dieser Stelle einmal ein Auszug aus meinem Buch „Einsicht durch Meditation der Liebenden Güte“:
Stelle Dich einmal an das Küchenfenster und schau hinaus. Du kannst Deinen Blick in den Himmel richten oder auf die Straße, auf einen Baum – was immer Du von Deinem Fenster aus sehen kannst.
Nimm einen tiefen Atemzug und schaue einfach nur.
Nicht hinschauen, sondern nur schauen. Nicht hinsehen, sondern nur sehen. Wie ein Blick „ins Leere“, tagträumerisch, und als wärest Du „ganz weit weg“.
Die Augen sind ganz entspannt.
Entspanne nun bewusst über ein oder zwei Atemzüge Gesicht, Geist und Körper. Wie eine Welle der Entspannung, die an Deiner Nase mit dem Einatmen beginnt, über Deine Stirn fließt bis zu Deinem Scheitel, und mit dem Ausatmen entspannen sich Dein Kopf, Dein Gesicht und dann der Rest Deines Körper bis zu den Füßen. Vor allem die Schultern dürfen sich entspannen.
Sammle Dich ein wenig im gegenwärtigen Moment – schauen und atmen und lächeln.
Qigong-Übung:
Führe nun einmal Deine Hände, mit den Handflächen nach oben gerichtet, von etwa der Leiste aus aufwärts bis kurz unter Schulterhöhe und atme dabei sehr tief ein. Die Bewegung folgt dabei dem Atem.
Drehe die Hände, sodass die Handflächen nun nach unten zeigen, und führe die Hände wieder zurück bis kurz über Leistenhöhe. Atme dabei lächelnd tief aus. Halte Dein Lächeln.
Lass den Blick dabei weiterhin „ins Leere“ gehen, und wiederhole den Ablauf so oft und so lange, bis der Kaffee durchgelaufen ist oder das Teewasser kocht.
Es gibt viele kleine Situationen über den Tag verteilt, in denen Du so verfahren kannst: Beim Warten darauf, dass das Wasser im Wasserkocher kocht, die Mikrowelle fertig ist, das Bad frei wird und vieles mehr. Nutze diese Gelegenheiten für eine Kurzmeditation, sei es als Atembetrachtung oder als mettā-Praxis.
Wartezeit ist geschenkte Zeit. Vermeide also nach Möglichkeit, in das alte und beliebte Muster von „da könnte ich ja in der Zwischenzeit mal eben noch …“ zu verfallen.
Weiterführende Infos und Kurse
Ich hoffe, dass ich mit diesem Blogartikel ein wenig mehr Klarheit in die Frage „Was ist QiGong?“ bringen und vielleicht auch den einen oder anderen Impuls geben konnte. Wenn Ihr neugierig geworden seid und QiGong in der Praxis erlernen bzw. vertiefen wollt, dann schaut gerne einmal unter „Kurse und Termine“ oder lasst uns über Einzelunterricht sprechen (auch kleine Gruppen sind möglich). Weitere Infos dazu gibt es hier. Schreibt mir gerne auch eine unverbindliche E-Mail.
Mit Metta, Shi Miao Dao
1 Dieser „Kaiser“ hat als Person nie wirklich existiert; er ist vielmehr die mythologische Weiterentwicklung der höchsten Gottheit, die im alten China verehrt wurde.
2 Zu finden in einem Buch namens Huang Di Nei Jing, „Das Buch über die innere Medizin“.
- Quelle Bild Huang Di: uncertain – Outlines of Chinese History, by Li Ung Bing, ed. by Joseph Whiteside (Shanghai: 1Commercial Press, 1914), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4298124
- Quelle aller anderen Fotografien: Danke an die Künstler auf der freien Bilddatenbank Pixabay

